Das nennt man nicht eigentlich suchen,
wenn man schon weiß, wo was ist.
Das nennt man nicht eigentlich finden,
wenn man es gar nicht vermisst.
Das nennt man nicht eigentlich lieben,
wenn man den Liebling erpresst.
Das nennt man nicht eigentlich halten,
wenn man ihn fallen lässt.

Robert Gernhardt

Klienten und Klientinnen, welche im Verlauf von Coaching-Sitzungen in ihren Ausführungen oft das Wort «eigentlich» einsetzen, lassen mich hellhörig werden. Dies deshalb, weil «Eigentlich-Sätze» verwischend und verwirrend zugleich sind. Das Wort «eigentlich» hat eine Art Chamäleoncharakter – indem man es in einem Satz hinzufügt, wird dieser Satz mehrdeutig und für mich als Coach schwer fassbar. «Eigentlich-Sätze»drücken eine Ambivalenz vom Coachee aus. Als Coach tue ich gut daran aufmerksam zu sein, damit ich die Ambivalenz und die mangelnde Klarheit in der Festlegung vom Coachee erkenne. Mit der paradoxen Intervention “Und was wollen Sie uneigentlich?” irritiere ich mein Gegenüber. Dies kann dazu beitragen, dass eine “neue” Ambivalenz zur Verfügung steht für den weiteren Coachingprozess. Was meint der Coaches, der sagt:«Eigentlich habe ich schon alles probiert»? Warum sagt er nicht: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach allem, was ich schon versucht habe, mir ein Coaching helfen wird»? Versucht er mir als Coach ein Quäntchen Hoffnung zu geben, dass doch noch ein Wunder geschieht? Warum kommt er überhaupt zum Ersttermin, wenn er sich nichts von einem Coachingverspricht? Woher kommt das Wort eigentlich überhaupt? «Eigen»ist das Adjektiv des früh verselbstständigten zweiten Partizips eines im Deutschen untergegangenen gemeingermanischen Verbs mit der Bedeutung «haben, besitzen», und bedeutet demnach «in Besitz genommen, besessen». Dies drückt sich auch aus in Worten wie eigenhändig, -mächtig, -nützig, -sinnig. Das Wort«eigentlich» drückte ursprünglich «das(leib)eigene» aus, später «ausdrücklich, bestimmt» und heute «ursprünglich, wirklich, genau genommen». Die letzte Silbe des Wortes «eigentlich», -lich, stammt aus dem Mittelhochdeutschen und war ursprünglich ein selbstständiges Wort. Aus demselben Stamm leitet sich das Wort Leiche ab (Körper, Gestalt). Als Grundwort in einer Wortzusammensetzung bedeutet es «die Gestalthabend», als Suffix drückt es zunächst eine wesensgemäße Eigenschaft bzw. Merkmale verschiedener Art aus.Somit ist die wörtliche Bedeutung von«eigentlich»: «die Gestalt des Wirklichen habend». «Das Coaching ist eigentlich doch ganz hilfreich», «Was meinen Sie selbst eigentlich dazu?» Das Wort «eigentlich» kann betont oder nicht betont werden:«Eigentlich bin ich jetzt nicht weiter als am Anfang» bzw. «Ich weiß eigentlich immer noch nicht, worauf Sie hinauswollen». «Eigentlich» als Partikel kann einen neuen Aspekt ausdrücken, der meist einen wesentlichen Gedanken enthält, demgegen über das bisher Gesagte vordergründig und oberflächlich erscheint (= im Grundgenommen, bei tiefererÜberlegung): «Eigentlich habe ich mich schon verloren geglaubt» (auch wenn ich bei  genauerer Betrachtung sehe, dass dies voreilig war). Oder: «Was denken Sie eigentlich?» Oder:«Was denken Sie eigentlich wirklich?» (im Inneren Ihres Wesens). Von den vielen verschiedenen Bedeutungen, die «eigentlich» haben kann, sind für mich als Coach zwei besonders wichtig:

  1. «Eigentlich» im Sinne des Ursprünglichen, des Wirklichen, des Genau-Genommenen, des Im-Grunde-und-bei-tieferer-Überlegung-Gemeinten.
  2. Sowie im Sinne  einer Vernebelung, Bedeutung kaschierenden, vagen, singverwischenden, verwirrenden Bedeutung. DieBedeutung kaschierende Funktion des Wortes «eigentlich», erlebe ich  im Rahmen von Coaching-Sequenzen häufig

Für ein Verständnis der jeweiligen Bedeutung des Wortes «eigentlich» ist, wie schon erwähnt, der Kontext relevant. Häufig können wir die jeweilige Bedeutung des Wortes «eigentlich» nur einschätzen und verstehen, wenn wir genau auf den verbalen und nonverbalen Kontext achten, in den es eingebettet ist. So können relevant sein:

  • Vorausgegangene und nachfolgende Worte und Sätze
  • die Betonung der Worte sowie
  • die begleitenden Blicke, die Mimik

Auch wenn das Wort «eigentlich» oft zu vernebeln scheint, kann es uns in derKommunikation helfen, die Dinge noch präziser, als durch klare Worte auszudrücken. Diese Form von Worten (Partikel) helfen uns, Nuancen auszudrücken–und diese sind besonders wichtig. Um sie  zu verstehen, ist es somit wichtig, auf den gesamten Kontext zu achten, in den das Wort «eigentlich» eingebettet ist. Dies alles ist doch eigentlich nicht der Rede wert! – Oder?

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