BLOG: Die Balance von Selbst- und Fremdbestimmung trägt zum Gelingen unseres Lebens bei…

Fragen die sich stellen

Die Verantwortlichen der grossen Tech-Konzerne in den USA und China werden immer einflussreicher. Die Instrumente, mit denen sie wirtschaftliche und politische Macht demonstrieren können, werden immer ausgefeilter. 

Klar ist, dass wir nicht ohne die neuen Technologien leben können, wollen und auch müssen. Doch um von den Entwicklungen wirklich profitieren zu können statt an ihnen Schaden zu nehmen, scheint es mir bedeutsam zu sein, dass wir darüber mehr und fokussierter nachdenken, wohin die Welle, auf der wir gegenwärtig reiten, hin driftet. 

Es geht nicht nur um die Frage: Was können wir alles mit neuen Technologien anstellen? Es gilt auch Antworten auf hiernach zu finden: Wie wirken sie auf uns? Das gibt uns mehr Bewusstheit um zu entscheiden, ob und welche Produkte wir in unser Leben lassen wollen. 

Technologische Neuerungen steigern unsere Fähigkeiten und Kompetenzen und die menschliche Effektivität. Und doch verändert uns der Gebrauch jeder Technologie auf spezifische Weise. 


Künstliche Zusatzfähigkeiten verändern unsere Wahrnehmung und steigern das Risiko, dass unsere 5 – 7 Sinne verkümmern.

Wir irritieren und übersteuern unsere körperlichen Wahrnehmungen wenn wir uns nur oder ausschliesslich auf Fitness- und Gesundheitstracker verlassen und uns an deren Messungen orientieren. 

Sobald zwischen unserem Ich und der Welt ein Gerät klemmt werden das unmittelbare Spüren, Empfinden und Denken überlagert. Versäumen wir es unsere ursprünglichen Talente, unabhängiges Denken, eigene Sinnesorgane und Instinkte zu trainieren, indem wir uns den Technologien unreflektiert ausliefern, dann verkümmern die Genannten.

Ein durch Likes, Follower, Emojis, Herzchen oder Kommentare vermitteltes Selbstbewusstsein kommt in meiner Überzeugung einem Fremdbewusstsein gleich. 

Wir laufen Gefahr die Nähe zu uns selbst und die Distanz zu unserer Umwelt zu verlieren. Kommt uns das Bewusstsein für uns selbst abhanden, werden wir viel anfälliger für Fremdeinflüsse, ohne es überhaupt zu merken. 

Diese schleichende Vereinnahmung durch die Maschine lassen viele unter uns kampflos geschehen, zumal es sich angenehm entlastend anfühlt. Als glückliche Sklaven geniessen wir die Fremdbestimmung. 

Doch wie lange noch? Und mit welchen Konsequenzen? 


Die subtile Mechanik der Kontrolle

Jede wirtschaftliche, politische oder auch militärische Institution kann durch Kontrolle und Datensammlung davon profitieren, dass wir als Nutzende die Motivation für unser eigenes Verhalten nicht einordnen und begreifen können. 


Ein wichtiger Faktor der Kontrolle ist es, die tatsächliche Absicht der Kontrolleure vor den Kontrollierten zu verbergen. 

Die Tech-Eliten versuchen alles um uns Nutzer für sich zu gewinnen – ohne uns spüren zu lassen, welche Einflussnahme sie über uns besitzen. 

Dazu gehen sie meiner Meinung nicht subtil, sondern suggestiv vor. 

Ein Aufstand von uns als Nutzende, wäre für die Tech-Eliten eine Katastrophe. Obwohl sie gigantisch sind, würden ihre Schiffe untergehen, wenn wir als Besatzung zu meutern begännen und davon surfen würden…

Wir haben und hätten die unglaubliche Macht, Apps, Dienste und Plattformen platt zu machen – durch blosses nicht mehr nutzen! 

Das sich bewusste Verabschieden aus dem Oligopolisten-Netz der Big-Tech Firmen ist die stärkste Marktmacht von uns als Nutzer. Doch wir nutzen unsere Möglichkeiten bis jetzt nicht. Wir ziehen es vor, im Boot der digitalen Kapitäne sitzen zu bleiben, uns steuern zu lassen um ihnen weiterhin als Datensklaven zu dienen. 

Die Vorstellung, dass der Zeitpunkt kommen könnte, bei dem die die Maschinen einmal in uns Menschen eingedrungen sind, und wir in der Falle sitzen, weil die Falle gleichzeitig in uns sitzt, macht mich nachdenklich. 


Ob und wie die Tech-Konzerne ihr Arsenal an Werkzeugen zur Ausübung softer Herrschaft nutzen werden, ist eine interessante Frage an die Zukunft. 

Oder ist es doch interessanter, wie wir Menschen auf derlei Bemühungen reagieren werden? 

Es ist erstaunlich, wie klar der Philosoph Michel Foucault das Wirken der Macht heutiger Hirne und Körper erobernder Technologien mit seinem Konzept der verinnerlichten Disziplin vorausgedacht hat. 

Zu den Mitteln der guten Abrichtung gehört es, dass der Gefangene im Gefängnis ständig unter Beobachtung steht, auch wenn er die Gefängniswärter gar nicht sieht. Clever erdachte Architekturen wie das Panoptikum erlauben es den Wächtern, alle Gefangenen im Blick zu haben, ohne an ihrem abgedunkelten Standort gesehen zu werden. 

Allein die Vermittlung des Wissens darüber, dass die Gefangenen beobachtet werden, erlaubt es die Gefangenen abzurichten. Zu ihrer Disziplinierung trägt ausserdem ein System von Bestrafung und Belohnung bei, über welches sich die Gefangenen innerhalb einer Rangordnung ab- oder aufgewertet fühlen sollen. Jede Sanktion positiver oder negativer Art bestärkt den Einzelnen in seiner Überzeugung, dass ein ideales Betragen, eine Norm gibt. Weil jeder weiss, dass normabweichendes Verhalten registriert und bestraft wird, hat der Gefangene nur die eine Chance sich normkonform zu verhalten. Während der Einzelne der Norm entsprechend agiert, entsteht ein Strafsystem der Norm. Dabei wird die Norm selbst zum Mittel der Macht. 

Soziale Medien funktionieren sehr ähnlich wie das «Strafsystem der Norm». Um nicht mit schlechten Bewertungen abgestraft zu werden, sondern von den Mitgliedern der Gruppe anerkannt zu werden, passen sich die Einzelnen den Gruppennormen an. Der normierende Mechanismus perfektioniert sich im Zug der Anwendung von selbst. 

Im kommunistischen China gelten bestimmte, staatlich definierte Verhaltensregeln für alle. Ihnen passen die Bürger sich über das chinesische Sozialkreditsystem ebenfalls selbständig an. Sie wollen nicht bestraft werden und wünsche sich in Harmonie mit der Gemeinschaft zu leben. Wenn sie sich den Normen unterwerfen, dienen sie dem Wohl aller, glauben sie. Die Selbstnormierung erlaubt die glatte Anbindung der Autorität an das Individuum. 

Sobald wir Menschen wissen, dass wir beobachtet werden, verhalten wir uns um Nuancen anders, weder wenn uns unbeobachtet fühlen. Wenn wir zudem uns darüber im Klaren sind, dass normabweichendes Verhalten negative Konsequenzen haben kann, beginnen wir uns dem Normverhalten anzupassen. 

Normorientierung ist Aussensteuerung. Selbstwerdung würde jedoch heissen, in die entgegengesetzte Richtung zu marschieren, nämlich nach innen. Der Marsch ist ein Ringen um Selbstkenntnis, die Erkenntnis der eigenen Vorlieben, Wünsche, Ziele, um von dieser Bewusstseinsbasis aus nach aussen zu schweifen. Ohne die Kraft des Selbstbewusstseins finden wir Menschen uns draussen schwer zurecht. Dadurch sind wir auch leicht zu beeindrucken. Wir geraten in Spiralen der Fremdsteuerung aus denen wir nur schwer wieder hinauskommen. 

Wenn wir Menschen die Maschinen beherrschen wollen, dann dürfen wir uns nicht von ihnen beherrschen lassen. Da könnte so einfach sein, wenn es nicht so schwierig wäre. Es ist so verlockend, das flimmernd-fesselnde Gerät an- und den Verstand auszuschalten. 

Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht Querdenker und deren Provokationen, nicht den Halbschlaf bequemer, harmoniesüchtiger Konformisten. Nur der Vielklang von eigenwilligen Ideen und Meinungen aktiviert die Demokratiefähigkeit von Einzelnen und ganzer Gesellschaften. 

Individualisten haben elementar wichtige gesellschaftliche Funktionen. Deshalb sind sie zu ermutigen, statt technologisch einzuhegen. 

Freie Individuen durchschauen die Verführungsstrategien der Tech-Eliten. Sie wissen, dass sie sich jederzeit aus den technologischen Verstrickungen lösen können. Sie kennen das Machtmittel des Abschaltens.